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Wie
man mit kleinen Dingen
und
viel
Füreinander-da-sein
ein
sozial benachteiligtes Kind
sehr
glücklich machen kann ...
Vorbemerkungen:
Seit dem Sommer 2004 habe ich bei mir zuhause den 11-jährigen
Frank aus der etwas weitläufigeren Nachbarschaft in seiner Freizeit
ca.
8 Monate lang als "guter Freund"
betreut.
Alles, was ich hier schildere, hat sich tatsächlich
so zugetragen oder zeigt ehrlich meine Eindrücke und sensiblen
Wahrnehmungen, denn ich bin ein sehr genauer
Beobachter und versuche stets, mich behutsam in das betreute Kind einzufühlen
und ganz individuell auf den kleinen Menschen einzugehen (das
ist auch einer der Gründe, warum ich nur ein Kind zur Zeit betreue, denn
nur so kann ich seine Potenziale entdecken und
fördern und ihm eigene Erfolgserlebnisse verschaffen und Freude bereiten).
Die Namen oder Bezeichnungen von Personen oder Orten habe ich selbstverständlich geändert bzw. verallgemeinert oder
ganz weggelassen, um die Vertraulichkeit für die Beteiligten
zu sichern. Aus diesem Grunde habe ich auch weitgehend auf Fotos verzichtet
und den Text stattdessen mit allgemeinen Grafiken aufgelockert (die wenigen
Fotos zeigen nur unpersönliche Ausschnitte oder aber mich selbst,
denn ich brauche mich ja nicht zu verstecken).
Mein Erlebnisbericht umfasst
das Wesentliche und soll hauptsächlich das schildern, was wir zusammen
erlebt haben, damit auch neue Interessenten erkennen können, wie gut
es ihrem Kind bei mir gehen kann, wenn sie mir ihr Vertrauen schenken.
Warum betreue ich Frank?
Frank kommt aus sozial schwierigen Verhältnissen;
seine Eltern haben (oder nehmen sich) oft keine Zeit, sich um ihn zu kümmern und können
ihm aufgrund ihrer finanziellen Situation auch keine großartige Abwechslung
und Förderung bieten. Seine Schulkameraden oder andere gleichaltrige
Kinder sind entweder zu weit weg oder nicht nach seinem Geschmack.
Er sucht "interessantere Abwechslung" als nur
das "langweilige, normale Spielen" mit anderen Kindern, die ihn teilweise
auch nicht mögen; er ist ein Einzelgänger und fühlt sich
zu Erwachsenen hingezogen; mit anderen Kindern gibt es oft Streit oder
Rangeleien, weil er Probleme hat, zu unterliegen und auch mal was wegzustecken,
sondern gerne die Oberhand hätte.
Also war ich bereit, für Frank da zu sein,
wenn er jemanden braucht, der für ihn da ist, wenn er zuhause weggeschickt
wird.
Und die Eltern haben ihn sehr oft zu mir geschickt,
um sich ungestört um ihre eigenen Interessen kümmern zu können. Mir war es Recht, denn ich merkte schnell,
wie gut dem Jungen unsere gemeinsame Zeit bekommt.
Frank findet es toll bei mir, und er kommt,
so oft er darf.
Er hofft immer, mir bei dem, was ich gerade mache,
helfen oder wenigstens nur zugucken zu dürfen.
Da ich in Garten und Haus den Platz habe und
mir die Zeit nehmen kann, mich um Frank zu kümmern, bin ich sehr oft
für ihn da, denn bevor er sich irgendwo draußen herumtreibt
("abhängt" und vielleicht Unfug treibt, wie so viele Jugendliche ohne
Perspektive, die sich damit ihre Zukunft kaputt machen!), finde ich es
besser, er weiß, wo er willkommen ist und ein bisschen Geborgenheit
und Abwechslung findet, denn: Kinder brauchen unbedingt
verlässliche
Bezugspersonen.
Wie ich Frank mit meinen Augen sehe
Schon bald fiel mir auf, dass ich es mit einem
intelligenten und wissbegierigen Jungen voller Tatendrang zu habe, der
die Welt der Erwachsenen für sich entdecken will und sich für
fast alles interessiert.
Frank ist höflich und wirkt gut erzogen,
er ist sozial eingestellt und sehr hilfsbereit, er ist ehrgeizig und zielstrebig
und tritt anderen Personen bestimmt, mit festem Willen, manchmal sogar
etwas keck gegenüber.
Er ist aber auch ein echter Lausbub mit Flausen
im Kopf und verrückten Ideen - eigentlich eine gute Mischung für
ein Kind seines Alters. Bei alledem ist er aber auch sehr sensibel.
Frank ist allgemein nicht sehr gesprächig,
sondern eher verschlossen,
er berichtet aber gerne freudig über erlebte Dinge, die ihm sehr viel
bedeuten und Spaß gemacht haben.
Wie fast alle Kinder neigt Frank dazu, "über
die Stränge zu schlagen", wenn man ihm keine klaren Grenzen setzt.
Werden ihm Grenzen gesteckt und erklärt, zeigt er sich aber meist
einsichtig.
Allen, die uns beiden zusammen begegnen, erzählt
er stolz von "seinem Freund", wie er mich gegenüber anderen bezeichnet.
Mir scheint, er hat endlich jemanden, mit dem er ein bisschen "angeben"
kann und etwas, was andere nicht vorweisen können. Er macht andere
Kinder wohl tatsächlich etwas neidisch, denn ich wurde von denen schon
neugierig auf seine Besuche bei mir angesprochen. (Wer weiß, vielleicht
bin ich ja sein erster "richtiger" Freund?)
Was Frank bei mir so macht
Ein etwas abenteuerlich anmutendes, altes Haus wie meines mit meinen
vielen Sammelleidenschaften bietet einem aufgeweckten 11-jährigen
Schuljungen reichlich Stoff für Tage, Wochen und Monate!
Das geht vom Mitmachen bei Gartenarbeit, Basteleien und kleinen Bauverrichtungen
übers Ausprobieren von Telefonen und Mikrofonen, "Musizieren" am Keyboard,
Spielen der Drehorgel, Ausprobieren der elektrischen Schreibmaschine und
Spielen mit der Modelleisenbahn bis zum Spielen am PC (nur altersgemäß
geeignete und gewaltfreie Computerspiele und nur unter meiner Anleitung
und Aufsicht!).
Und wenn er genügend Zeit hat, tobt er sich mit Vorliebe stundenlang
im Schwimmbad aus.
Am liebsten "hilft" Frank auch bei allem mit,
was ich gerade mache (Basteln, Werken, Renovieren, Hobbys, Hausarbeit,
Küche, Backen usw.).
Er ist ja in einem Alter, wo er alles ausprobieren
möchte (z. B. den Umgang mit Werkzeugen), und er darf das bei mir
in gewissem Maße auch, soweit ich es verantworten kann und solange
ich dabei bin, und er lernt eine ganze Menge dabei (denn
das, was ein Kind selbst machen darf, vergisst es nie!).
Zudem bringt es ihm die Erfolgserlebnisse, die er so sehr als Selbstbestätigung
benötigt und woanders wohl nicht hat.
Ich merke schnell, dass Frank ein ganz helles
Köpfchen ist, bei allem fragt, wozu es da ist und wie es funktioniert
(und er weiß auch, dass er von mir auf alles eine altersgerecht
verständlich formulierte Antwort und Erklärung bekommt).
Frank hat auch eine realistische Selbsteinschätzung
seiner Fähigkeiten bewiesen, hört auf Ratschläge und
lässt die Finger von Dingen, die er sich noch nicht zutraut.
Wenn er dann aber etwas selbst geschafft hat,
ist er zu Recht stolz auf sein Werk, glücklich und zufrieden und wir
bekräftigen dies mit einem gemeinsamen Handschlag.
Mein Umgang mit Frank
Wenn Männer Kinder betreuen, dann haben
Sie es schwer, denn im Gegensatz zu 'Tagesmüttern' müssen
sich 'Tagesväter' zunächst gegen die Vorurteile behaupten,
die aufgrund zahlreicher schlimmer Vorfälle in der Allgemeinheit bestehen
("Alle
Männer sind Kinderschänder").
Dass diese Vorurteile falsch, ungerecht und
kränkend sind, wird durch die positiven Beispiele bewiesen.
(Ich hoffe, ich kann auch als ein solches gelten.)
Leider berichten die Medien lieber über
Negatives als über Positives und erzeugen damit ein falsches Bild
in den Köpfen der Menschen, die dies kritiklos hinnehmen.
Mein 8 Monate langer Umgang
mit Frank ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut es einem Kind gehen
kann, wenn es den richtigen Erwachsenen findet.
Von Anfang an habe ich meinen Umgang mit Frank,
der für mich ja ein fremdes Kind ist, offen und ehrlich gestaltet.
Ich habe jeden in meinem Umfeld (Nachbarn, Verwandte,
Bekannte) über uns beide informiert und mit einbezogen, damit
gar nicht erst Gedanken an irgend ein "geheimnisvolles, verborgenes Treiben"
aufkommen.
Jede vertrauenswürdige Person kann tagsüber
zu mir kommen und sehen, was wir zusammen gerade machen, und es kommt
ab und zu vor, dass Frank da ist und ich irgend einen spontanen Kurzbesuch
bekomme, den er neugierig inspiziert (und natürlich auch gleich für
sich interessiert, was schon zu manch drolliger Unterhaltung geführt
hat).
Es ist für mich selbstverständlich,
dass ich ein Kind als vollwertigen Menschen mit selbstbestimmter Persönlichkeit
behandle und respektvoll und behutsam mit ihm umgehe.
Folglich fasse ich auch Frank nicht einfach so
an, ohne ihn vorher zu fragen (z. B. im Spiel oder wenn es mal ums Festhalten
oder Hochheben geht, um irgend etwas zu erreichen). Ebenso selbstverständlich
entschuldige ich mich, wenn ich mal etwas falsches gesagt oder getan haben
könnte. Und dass ich ein Kind nicht strafe, sollte heutzutage eigentlich
auch selbstverständlich sein.
Im übrigen versuche ich stets daran zu denken,
dass ich mit all meinem Tun eine Vorbildfunktion habe, denn Kinder
ahmen das Handeln der Erwachsenen nach, weil sie ihnen als Vorbild
vertrauen.
Demzufolge ist mein Umgang mit ihm freundlich
und ruhig, bestimmt und konsequent, ohne Schreien und ohne Handgreiflichkeiten,
verständlich und kindgerecht.
Frank und meine Gartenfeldbahn
Franks größtes Interesse galt anfangs
meiner kleinen Original-Feldbahn, die ich als technisches Denkmal und für
die Gartenarbeit hinterm Haus habe.
Einem aufgeweckten Jungen wie Frank
genügt es aber nicht, sich so etwas ausgefallenes nur anzusehen, er
will natürlich damit fahren. Und so ergibt es sich zwangsläufig,
dass er in kürzester Zeit "Nachwuchs-Lokomotivbediener" wird und
in meinem Beisein begeistert immer wieder seine Runden dreht.
(Nach ihm hat die Bahn später noch viele weitere
Kinder begeistert.)

Es ergibt sich auch schon mal, dass andere
Kinder aus der Nachbarschaft auftauchen und mitspielen wollen und dürfen.
Dabei zeigt Frank, dass er gerne die Oberhand haben und bestimmen will,
wer wann was machen darf (er sieht sich ja auch als meine Hauptperson!),
und es kommt schnell zu Rangeleien mit den anderen Jungs, weil die natürlich
auch ihre eigenen Vorstellungen haben. Dann muss ich halt regelnd eingreifen
und für Ordnung sorgen.
Irgendwann entdeckt Frank bei mir ein altes, ausgemustertes
Verkehrsschild von einem Fußgängerüberweg und schlägt
vor, dass wir dieses sofort gemeinsam als Warnung an einer Stelle aufstellen,
wo der Gartenweg das Gleis überquert, und war über seine Idee
und die Ausführung begeistert! Solche handwerklichen Tätigkeiten
machen ihm immer sehr großen Spaß.
Frank und die alte Blecheisenbahn
An einem Vormittag hatte die Post mir ein Paket mit einer alten Blecheisenbahn
gebracht und es liegt noch unausgepackt da, als Frank am Nachmittag zu
mir kommt. Neugierig wie er ist, will er natürlich wissen, was drin
ist, und wir packen es gemeinsam aus. Als er sieht, dass es sich
um eine Modelleisenbahn mit Lok, Wagen und Schienen handelt, will er das
alles auch gleich ausprobieren.
Also legen wir uns beide auf den
Fußboden
und stecken die Gleise zusammen.
Währenddessen erzähle
ich Frank, dass diese Bahn schon ca. 55 Jahre alt ist und noch ganz ohne
Strom funktioniert, und dass die Kinder damals mit solchen Dingen gespielt
hätten.

Ob er den historischen Wert einschätzen
kann, mag ich bezweifeln. Er fasst die Fahrzeuge aber ganz behutsam
an, setzt sie auf die Gleise, kuppelt alles mit viel Gefummel zusammen,
zieht die Lok auf und startet sie dann. Und als das kleine Züglein
dann unermüdlich und nur vom Uhrwerk angetrieben lange seine Runden
dreht (und auch mal entgleist), ist er ganz fasziniert davon.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass Frank mal erwähnt
hatte, dass er "in seinem Alter doch nicht mehr wie Kleinkinder auf dem
Fußboden spielen" würde, als ich ihn nach seinem eigenen
Spielzeug fragte.
Erstaunlich, wie schnell doch solche "Vorsätze" vergessen sind,
wenn es was Interessantes zu entdecken gibt! (Auch ich habe lange zuvor
nicht mehr auf dem Fußboden gelegen und gespielt!)
Frank und das Dampfboot
Eines Tages, als wir mal draußen nichts
tun können, sucht Frank nach einer Beschäftigung. Ich erinnere
mich, dass ich schon seit Jahren einen Bausatz für ein sogenanntes
"Knatter-Boot" liegen habe und frage Frank, ob er Lust hat, ein kleines
Dampfboot zu bauen, das in kurzer Zeit fertig ist und dann richtig im Wasser
und von selbst fährt, obwohl es keinen Motor hat.
Das erregt sein Interesse, denn er kann sich
nicht vorstellen, dass es sowas gibt und wie das geht.
Die chinesische (!) Bauanleitung erklärt
er
mir (!) anhand der Bilder, stellt
sich schon lebhaft das Ergebnis vor und baut den Bausatz zusammen.
Ein
paar Kleinigkeiten, an die er sich nicht heran traut, lässt er mich
machen.
Und dann geht's ab in die Küche, wo wir
das Spülbecken fluten, um das Boot zu Wasser lassen und testen zu
können. Wird es überhaupt schwimmen oder gleich untergehen?
Als erstes übernimmt es Frank, ein wenig
Wasser mit einem Röhrchen ins Boot zu blasen. Er kann sich immer noch
nicht richtig vorstellen, wie das mit dem Antrieb gehen soll, als er mir
interessiert zusieht, wie ich ein kleines Stück einer Kerze abschneide,
anzünde und ins Boot lege. Nun warten wir einen Moment, bis das Boot
dann tatsächlich langsam losfährt.
Das Staunen ist groß, und Frank sieht
dem Boot lange fasziniert zu, wie es in der Küchenspüle geräuschvoll
knatternd und leuchtend seine Runden dreht, ohne zu verstehen, was da eigentlich
vor sich geht.
Erst jetzt, nachdem er sein riesiges Erfolgserlebnis
gehabt hat, erkläre ich ihm die simple Technik so, dass er sie
ein wenig verstehen kann.
Ich bin sicher, das war für ihn ein Erlebnis,
das er nicht so schnell vergisst.
Ich frage ihn, ob er das Boot nachhause mitnehmen
möchte, um es seinen Eltern zu zeigen und vorzuführen, aber er lässt es lieber bei mir.

Ein paar Tage später,
im
Schwimmbad, fällt Frank das Dampfboot wieder ein und er
möchte es unbedingt "im großen Wasser" fahren sehen. Also
holt er es - patschnass wie er ist - aus der Wohnung, und ich muss wieder
für die kleine Kerze sorgen.
Regungslos im Wasser stehend warten wir, bis
die Wasseroberfläche ganz ruhig geworden ist, und Frank macht noch
das große Licht aus, denn er möchte das magische Leuchten
aus dem transparenten Schiffsrumpf sehen.
Als das Boot dann mit flackerndem Licht seine
weiten Kreise zieht, kennen Begeisterung und Faszination keine Grenzen,
so schön findet Frank das Ganze, und er verfolgt die Fahrt des
Bootes mit viel Geduld, bis die kleine Kerze ausgebrannt ist! Wieder
hat er ein Erfolgserlebnis und ist glücklich!
Frank am PC
Als das Wetter für das Spielen im Garten
zu schlecht war, fragt der Frank mich mal: "Hast Du eigentlich einen
Computer?". - Natürlich, habe ich! - "Und hast Du auch Computerspiele?".
Ich ahne, worauf das hinauslaufen würde und sage wahrheitsgemäß,
dass ich den PC für meine Büroarbeit und deshalb hauptsächlich
zum Schreiben, für Bilder usw. benutze und gar keine Zeit habe, am
PC zu spielen. Ich werde aber mal meine alten Disketten und CDs durchsuchen,
mache ihm aber keine Hoffnungen, dass ich etwas finde, was dem heutigen
hohen Standard und den noch höheren Anforderungen der Kinder entsprechen
könnte. Was ich finde, reicht dann auch nur für ein anfängliches,
kurzes Spielvergnügen, da es schnell langweilig wird.
Da Frank zuhause einen (wohl älteren, ausgemusterten)
PC in seinem Zimmer hat, auf dem er ab und zu mal spielt (z. B. die bekannte
und beliebte Simulation "Anno 1602", wie er mir erzählt), hätte
er bei und mit mir zusammen auch gerne etwas "anspruchsvolles" gespielt.
Von Anfang an habe ich Frank deutlich zu erkennen
gegeben, dass für mich keinerlei Spiele infrage kommen, die in irgendeiner
Form mit Gewalt zu tun haben. Er hat das akzeptiert.
Eines Tages kommt Frank am späten Nachmittag
auf dem Rückweg von der Leihbücherei kurz bei mir vorbei und
holt aus seiner mit diversen Büchern gefüllten Tragetasche eine
CD-ROM plus Handbuch hervor. Er gibt sie mir mit der Bitte, das Spiel für
ihn im PC zu installieren, um es dann bei nächster Gelegenheit mal
ausprobieren und spielen zu können (es handelt sich um das Spiel
"Cultures - Die Entdeckung Vinlands" - eine liebevoll gemachte "Wikingerdorf-Simulation").
Ich sage Frank, dass ich mir das Spiel zunächst
ansehen und es probespielen werde, um zu sehen, ob es für ihn geeignet
ist. Außerdem weise ich ihn darauf hin, dass solche Simulationsspiele
ja endlos fortgeführt werden können, er die geliehene CD-ROM
aber nach ein paar Wochen zurückgeben müsse und wir dann nicht
mehr weiterspielen können.
Auf seinen Vorschlag, dass ich die CD-ROM ja
kopieren könne, mache ich ihm deutlich klar, dass das eine Straftat
wäre und dass Raubkopien für mich nicht infrage kommen.
Er akzeptiert meine Einstellung, und um ihm eine
legale Alternative aufzuzeigen (das ist in der Kinder-Erziehung ganz
wichtig, wenn man einem Wunsch nicht entsprechen kann!), verspreche ich
ihm, mich stattdessen mal im Internet umzusehen, ob ich das Spiel evtl.
günstig gebraucht kaufen könne, falls es ihm so sehr gefallen
sollte, dass er es länger spielen möchte.
Ein paar Tage später kann ich dann eine Original-CD-ROM
mit diesem Spiel für sehr wenig Geld übers Internet erwerben.
Dass
Frank sich riesig darüber gefreut hat, ist wohl klar. Er konnte
seine geliehene CD-ROM also wieder mitnehmen und zurückgeben.
Wie schon angesprochen, ist das Spiel aufgrund
seiner detaillierten Grafik und den vielen Spielvarianten so faszinierend,
dass man sehr lange seine Freude daran hat, was Frank nach vielen Wochen
immer wieder beweist und bestätigt.
Wenn er bei diesem Spiel am PC sitzt (ich bin
immer dabei - so kann er seine Erlebnisse sofort kundtun und im Gespräch
verarbeiten und sich auch mal Tipps und Bestätigungen holen), konzentriert
er sich so sehr auf das Geschehen, dass er sich kaum ablenken lässt.
Ich erlebe dann, wie er mit den Figuren spricht, die er steuert, ihnen
wortwörtlich Aufträge erteilt oder auch mal deutlich mit ihnen
schimpft.
Dabei tun sich mir Einblicke in sein Innerstes
auf, die ich sonst nicht bekommen hätte. Einmal höre ich verwundert,
wie
er tatsächlich zu einer der Figuren sagt: "Oh, tut mir Leid, dass
ich Deine Gefühle verletzt habe!". -
Solch einen Satz von einem
11-jährigen Jungen zu hören, finde ich schon bemerkenswert, denn
das zeigt deutlich auch seine eigenen, sensiblen Gefühle!
Bei diesem Spiel fällt mir auch immer wieder
auf, wie sehr Frank auf die qualitativ hochwertige Hintergrundmusik
achtet,
die z. T. mit den Stimmungen und Szenarien des Spiels wechselt,
aber auch anhand einer Liste vom Spieler selbst ausgewählt werden
kann. Frank sagt dann entweder fasziniert:
"Oh, hör mal, das ist
ja eine schöne Musik!" oder er sucht sich eine Musik aus, die ihm
gefällt und fragt mich dann, ob ich sie auch gut finde.
Ein weiteres Spiel, das wir beiden gerne spielen,
ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem ein Ball gut überlegt durch
verschiedene Hindernisse und vorbei an Gefahrenstellen zu einem Ziel gesteuert
werden muss.
Da jeder der vielen "Level" sich komplett vom vorhergehenden
unterscheidet, sind die Herausforderungen immer wieder neu, und es wird
nicht langweilig.
Viel Spaß hat Frank auch mit dem virtuellen
Konstruieren
einer Achterbahn am PC, und er genießt es, wenn er sich in meinem
"Chefsessel" zurücklehnen und vorstellen kann, er säße
jetzt direkt in einem Wagen "seiner" Achterbahn (während ich seinen
Sessel entsprechend den Bewegungen auf dem Bildschirm mitbewege und ihm
so ein bisschen "Fahrgefühl" vermittle!).
Einmal hat Frank entdeckt, dass ich in meinem
PC auch ein Architektur-Programm zum Zeichnen von Häusern habe.
Er will es sofort ausprobieren, hat sich mit meiner Unterstützung
erstaunlich schnell in die Bedienung eingearbeitet und gleich sein Wunschhaus
konstruiert.
Es ist schon interessant, dass wir beiden uns
- trotz des Altersunterschiedes - für die gleiche Art von Spielen
(Konstruktion, Simulation, Nachdenken und Geschicklichkeit) begeistern.
So haben wir wieder etwas Gemeinsames gefunden, und mir wird es selbst
dann nie langweilig, wenn ich Frank bei seinen Aktionen am PC nur zusehe,
weil ich stets in Gedanken im Spiel dabei bin und, wenn er mich ab und
zu mal darum bittet, auch kleine Tipps oder Denkanstöße
gebe, die ihm seine Entscheidungen erleichtern und Lösungswege
aufzeigen, ohne jedoch die Lösung vorweg zu nehmen (die ich ja
oft auch selbst gar nicht kenne).
Und besonders freut sich Frank natürlich
dann, wenn er mal schneller oder schlauer ist als ich und die Lösung
vor mir findet, wofür ich ihn dann gerne ehrlich lobe.
Anfangs kommt es vor, dass Frank schnell aufgibt,
wenn ihm eine Lösung zu schwierig erscheint;
heute ist er soweit,
dass er mit Bestimmtheit sagt: "Ich muss mein Missionsziel erfüllen!".
Frank und die Schreibmaschine
Als Frank entdeckt, dass bei mir noch eine große, elektrische
Schreibmaschine steht, bittet er sofort um etwas Papier und probiert sie
geduldig aus.
Obwohl er zuhause schon einen Computer (aber wohl ohne Drucker) hat,
ist er von der Schreibmaschine so begeistert, dass er sie am liebsten mitgenommen
hätte.
(Schulpsychologen halten das Üben von Texten
mit der Schreibmaschine übrigens für eine sehr gute Möglichkeit,
schreibschwachen Schülern zu helfen!)
Nachdem er am Abend nachhause gegangen ist, will ich das Papier wieder
wegräumen und bin erstaunt und sehr gerührt über das,
was ich - zwischen ein paar Übungszeilen und mit ein paar verzeihlichen
Tippfehlern - auf dem eingespannten Blatt Papier lesen konnte:
"Hallo Thomas, wie geht es Dir heute an
diesem herrlichen Tag?
Wenn Du mich etwas fragen willst, dann frage es
mich gleich."
Welch eine spontane, philosophisch anmutende Formulierung
aus dem Kopf eines 11-Jährigen!
Welches unentdeckte Potenzial schlummert in
diesem Jungen?!
Ich kann solch ein Dokument nicht wegwerfen, sondern bewahre es -
wie all die anderen Dinge - zur Erinnerung an mein Gastkind
auf.
Frank hilft beim Renovieren
Ich habe ja schon erwähnt, dass Frank gerne
Erwachsenen bei ihrer Arbeit hilft, schließlich lernt er auch eine
Menge dabei und hat die so wichtigen Erfolgserlebnisse.
Als Frank im Herbst 2004 bei der Renovierung meines
Schwimmbades mithelfen will, habe ich ihm erst mal klar gemacht,
dass
ich keine Kinderarbeit unterstütze und auch Angst habe, dass er
sich verletzen könnte.
Eine gute Hilfe ist er mir, wenn es darum geht,
irgend etwas festzuhalten oder auszuprobieren. Er macht mir auch gerne
Vorschläge, und ich bin erstaunt über die guten Ideen, die ihm
manchmal einfallen, und von denen ich sogar welche übernommen
habe.
Ich erlaube ihm auch ab und zu leichte Dinge wie
das Aus- und Eindrehen von Schrauben mit dem Akkuschrauber, den Einsatz
des Farbrollers oder Pinselstriche mit der neuen Farbe.
Frank und das Schwimmbad
Kinder lieben Wasser!
Ein ganz besonderes Highlight für Frank
ist mein kleines Schwimmbad, das zunächst aber erstmal renoviert
werden sollte (wobei er immer nach Kräften mithelfen wollte). Frank
kann es kaum abwarten, den Pool dann endlich einzuweihen, und mittlerweile
hat er sich als richtige "Wasserratte" erwiesen, planscht und tobt nach
Herzenslust, macht Schwimmübungen und Tauchversuche und das alles
über meist ein oder zwei Stunden.
Da Frank Ende 2004 noch nicht so richtig schwimmen
kann (beim Schulschwimmen steht er kurz vor der "Seepferdchen"-Prüfung,
die er bald darauf bestanden hat), und weil ich für ihn verantwortlich
bin, solange er bei mir ist, darf er natürlich nur in meinem Beisein
ins Schwimmbad.
Frank bekommt bei mir stets ein frisches Handtuch,
hat bei mir "seine" passenden Badelatschen und "seinen" Bademantel und
"seinen" Umkleideraum. Und für den Spaß im Wasser hat er "sein"
Schwimmtier und "seine" Taucherbrille.
Inzwischen ist Frank sehr ehrgeizig, was seine
Leistungen "unter Wasser" betrifft, so dass ich seine Tauchzeiten sogar
per Stoppuhr festhalten muss. Und was er noch nicht schafft, das übt
er immer und immer wieder.
Ohne mein Zutun zeigt sich Frank vor dem Verlassen
des Wassers fast immer noch von seiner "hauswirtschaftlich-ordentlichen"
Seite: Er nimmt sich den Fensterwischer und befreit die Glasscheiben am
Beckenrand von den Wasserspritzern als Folgen seines Tobens, soweit er
mit seiner Größe vom Wasser aus heranreichen kann. Eben so gern
übernimmt er auch das Auf- und Zukurbeln der Rollabdeckung.
"Kann ich das haben?"
Als es draußen nichts neues mehr zu entdecken
oder zu erledigen gibt und das Wetter zum Herbst hin schlechter wird, entdeckt
Frank nach und nach das Innere meines kleinen, alten Hauses und meine diversen
Sammlungen für sich als tolles "Museum", wo es immer wieder was Neues
auszuprobieren gibt.
An seine Fragen wie "Was ist das?" und
"Kann
ich das haben?" oder "Schenkst Du mir das?" habe ich mich inzwischen
gewöhnt. Da ich weiß, dass er nicht alles mit nachhause bringen
darf, erledigt sich vieles von selbst. Andererseits merke ich jetzt aber
auch, dass ich im Laufe der Jahre vieles angesammelt habe, was ich nicht
mehr wirklich brauche, womit man einem Kind aber noch viel Freude bereiten
kann, und dass ich mich plötzlich leicht von Dingen trennen kann,
die ich bisher nie weggeben wollte.
Ich muss natürlich darauf achten,
dass
Geschenke für Frank etwas Besonderes bleiben und nicht zur täglichen
Selbstverständlichkeit werden. Auch möchte ich nicht, dass Frank
sich durch irgendwelche Geschenke mir gegenüber zu irgend etwas verpflichtet
fühlt, deshalb bleibt es bei Kleinigkeiten von geringem materiellen
Wert.
Essen und Trinken
Frank hat "fast immer" Hunger und kann wohl
ständig essen. Für seine Ernährung sind ja zuerst die
Eltern und die Schule zuständig; ich helfe jedoch gerne, wenn die
Zeit bis zur nächsten regulären Mahlzeit für ihn zu lang
wird.
Meistens genügt ein Glas Saft, ein Kakao,
evtl. mal eine Portion Cerealien (Corn Flakes usw.), zur Kaffeezeit mal
ein paar Kekse, ein Stück Schokolade oder ein kleines Eis.
Manchmal scheint Frank aber auch am liebsten
alles zusammen essen zu wollen und ich muss dann bremsen und regulierend
eingreifen und auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen.
Da Frank weiß, dass und wann ich meine regelmäßigen
Kaffeepause
mache, möchte und soll er natürlich daran teilhaben und bekommt
auch ein Getränk und etwas Gebäck - schließlich machen
wir fast alles zusammen.
Da Frank in einem "Fressalter" ist, kann ich ihm
natürlich nicht alles verwehren, passe aber auf, dass das Naschen
in maßvollen Bahnen verläuft.
Glücklicherweise hat
Frank mir mal gesagt, dass er sehr gerne Bananen isst; dadurch ist es mir
möglich, ihm statt Süßem lieber ein paar Bananen anzubieten,
was er gerne akzeptiert hat.
In Sachen Ernährung ist Frank - vermutlich
durch die Schule - grundsätzlich gut informiert und achtet manchmal
auch von selbst auf eine richtige Ernährung.
Und selbst, wenn er es eigentlich ist, der Hunger
hat, so beweist er stets eine soziale Ader und fordert mich auf, zusammen
mit ihm auch was zu essen (vielleicht fühlt er sich dann besser).
Frank erweist sich als "Flaschenkind"!
Anfangs bekommt Frank seinen Fruchtsaft immer
aus der Glasflasche in ein Trinkglas abgefüllt. Als ich dann mal bei
einem Sonderangebot zugreife und statt der Kisten mit Pfandflaschen ein
paar große Kunststoff-Flaschen kaufe, erweist sich Frank als "Flaschenkind",
denn er besteht darauf, den Saft nun direkt aus der Flasche trinken zu
dürfen (so spart er sich das Auffüllen des Glases, denn das ist
sowieso meist in einem Zug leer getrunken).
Wenn Frank mir ab und zu mal etwas aus "seiner"
Flasche anbietet, stelle ich fest, dass es mir plötzlich überhaupt
nichts mehr ausmacht, mit einer anderen, sogar fremden Person aus derselben
Flasche zu trinken; so etwas war für mich früher immer unangenehm
bis undenkbar. -
Wie hat mich dieses Kind doch verändert!
Als ich dann später wieder "nur" die Glasflaschen
habe, akzeptiert es Frank dann auch, dass ich ihm den Saft in einer Kunststoffkaraffe
mit eigenem Kunststoffbecher "serviere". Ein kleiner Erfolg.
Schule, Schulnoten und Zeugnisse
Frank geht in die 5. Klasse einer Gesamtschule.
Wenn wir mal über schulische Themen sprechen, sieht Frank sich selbst
- zumindest in einigen Fächern - als "recht guter" Schüler, wobei
er freudig auf alle guten Noten hinweist, die er bekommen hat und die nicht
so guten lieber verschweigt (ist ja verständlich).
Er scheint keine
Abneigung gegen die Schule an sich zu haben (höchstens gegen einzelne
Lehrer, wie andere Kinder auch), sondern geht gerne hin.
Frank erklärt mir gerne schulische Dinge,
die er toll findet (und die ich manchmal auch nicht kenne), und voller
Stolz hat er mir berichtet, dass er in die die Streitschlichter-Arbeitsgruppe
gewählt wurde.
Als ich ihm die Internetseite seiner Schule
zeige, ist er ganz begeistert und blättert alle Seiten mit großem
Interesse durch und nennt mir viele Namen der abgebildeten Lehrkräfte.
Wenn er mir mal über geschriebene Arbeiten
und erhaltene Noten erzählt, frage ich immer nach, wie er sich denn
selbst einschätzt, wie der Klassendurchschnitt ausgefallen ist, wo
er dabei steht und ob er seine Leistung richtig eingeschätzt hat und
mit dem Ergebnis für sich selbst zufrieden ist.
Ich gebe ihm zu erkennen, dass eine Note für
sich alleine noch nichts aussagt, lobe ihn aber für gute Noten ohne
zu übertreiben, nehme schlechte Noten zur Kenntnis ohne ihn deswegen
zu verurteilen und ermutige ihn bei Schwächen, daran zu arbeiten.
Adventvorbereitungen 2004
In diesem Jahr ist bei mir am Haus wohl zum
ersten Mal die Adventbeleuchtung rechtzeitig vor dem 1. Advent angebracht
und in Betrieb, denn Frank will das nämlich unbedingt schon ein
Wochenende vorher (und im Regen!) machen, hat das auch gegen meine Bedenken
durchgesetzt (aus Angst er könnte was versäumen), und er ist
sehr
stolz auf sein vollbrachtes Werk!
Frank hat Freude daran, zu backen und sich hauswirtschaftlich
zu betätigen (wohl, weil man hier tolle Erfolgserlebnisse haben kann).
Also haben wir schon zweimal zusammen Kuchen gebacken.
Frank und das Lebkuchenhaus
In der Adventszeit haben wir zusammen ein Lebkuchenhaus
gebaut, worauf Frank ganz stolz gewesen ist, und welches er am liebsten
sofort angeknabbert hätte. Um es in seiner ganzen Pracht für
spätere Erinnerungen festzuhalten, hat er mich mit seinem Haus gleich
noch fotografiert:
.....
Frank hat das Haus dann nachhause mitgenommen - und
ein paar Tage später aufgegessen ...!
Frank und das Weihnachtstheater
An einem Nachmittag in der Vorweihnachtszeit kommt
der Frank zu mir und berichtet freudig vom Besuch der Schulklasse im Schauspielhaus
Hamburg, wo alle zusammen als Weihnachtstheaterstück für Kinder
die Geschichte "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" gesehen
haben.
Da ich die Originalserie der Augsburger Puppenkiste
und die Bücher aus meiner Kindheit kenne, haben wir sogleich reichlich
gemeinsamen Gesprächsstoff.
Erstaunlich bescheidene Weihnachtswünsche
Nach seinem Weihnachts-Wunschzettel befragt, meinte
Frank ganz bescheiden:
-
"Ich möchte so gerne mal auf den Weihnachtsmarkt
am Rathaus."
-
"Ich wünsche mir für zuhause zu Weihnachten
einen schönen, großen Tannenbaum."
Ich glaube, diese Worte sprechen Bände, und
angesichts der immer mehr ausufernden "Technik- und Klamotten-" Wünsche anderer
Kinder muss man dazu nicht mehr viel sagen!
(Anmerkung: Trotz seiner Bescheidenheit wurden
ihm beide Wünsche nicht erfüllt! - Ich hätte es gerne
getan.)
Mein Abschied in den Weihnachtsurlaub
Frank ist sehr traurig, dass er an den Weihnachtstagen
nicht zu mir kommen kann, denn er weiß, dass ich über die
Feiertage für eine Woche in den Urlaub fliege (meine erste größere
Reise nach langer Zeit) - und er hat mir erzählt, dass bei ihm
zuhause kein Weihnachten gefeiert wird!
Am Tag vor meiner Abreise verabschiedet sich Frank
sichtlich bedrückt von mir mit den Worten:
"Hoffentlich verschläfst
Du morgen früh den Bus zum Flughafen oder
erreichst Dein Flugzeug nicht
rechtzeitig und musst hier bleiben!"
Diese Anhänglichkeit zeigt deutlich, welch
gute Kumpel wir inzwischen sind.
Ich bin sehr gerührt und versuche,
ihn zu trösten.
Das Wiedersehen nach der Urlaubsreise
Als Frank mich am Tag nach meiner Rückkehr
von der Weihnachtsreise endlich wieder besuchen kann, stürmt er mir
an der Haustür vor Freude entgegen. Nach seinen knappen Erzählungen
ist Weihnachten beim ihm zuhause wohl ziemlich langweilig, "unweihnachtlich"
und ohne besondere Höhepunkte verlaufen.
Warum mache ich diese Betreuung ohne Entgelt
und opfere so viel Zeit für ein "fremdes"
Kind?
Ganz einfach: Ich habe Frank
im Laufe der Zeit richtig lieb gewonnen.
Er hat mich in einer so liebenswerten
Weise für sich eingenommen und mein Herz erobert, dass
ich ihm nicht widerstehen kann.
Und da ich schnell gemerkt habe, mit welchen Defiziten
er leben muss, erwachte in mir so etwas wie eine innere Stimme,
die mir sagt:
"Das ist nicht 'einfach
nur irgend ein Kind', sondern es lohnt sich,
für dieses Kind
da zu sein und seine Potenziale zu fördern!"
Ob Frank selbst jemals bemerkt hat, wie sehr ich
mich für ihn einsetze, weiß ich nicht, es spielt aber auch
keine Rolle. Wichtig ist, dass er etwas für sich dabei
gewonnen hat, und dessen bin ich mir absolut sicher.
Ich opfere die paar Stunden für den Jungen
gerne, weil ich merke, dass ich ihm damit helfe und ihn ein bisschen glücklich
mache (was ja ganz offensichtlich ist). Und das wiederum macht auch mich glücklich
und zufrieden, und es entschädigt mich für jede geopferte Stunde
mehrfach, wenn ich sehe, wie gut es Frank dann geht!
Gibt es einen schöneren
Grund, als ein Kind glücklich zu machen?
Frank hat mich und mein Leben positiv verändert!
Ein mir bis dahin völlig fremdes Kind
hat sehr viel Vertrauen in mich gesetzt, ohne in die negativen Vorurteile
der Erwachsenen zu verfallen, hat sich sehr anhänglich gezeigt, mich
akzeptiert wie ich bin und überall stolz als "seinen Freund" bezeichnet.
Das gibt mir ein gutes Gefühl, zumal
ich das nicht erwartet hätte, und ich fühle mich bestätigt,
richtig gehandelt zu haben. Bei Frank merkte ich bald:
Das ist jemand,
der mich wirklich braucht!
So ist Frank mit seiner liebenswerten Art für
mich eine willkommene Abwechslung und bringt mich im Alltags-Einerlei
nicht nur auf andere Gedanken, sondern fordert mich sogar regelrecht heraus.
Ich
habe diese Herausforderung angenommen - und bestanden.
Ich fühle mich psychisch sehr gut, und auch
physisch geht es mir besser; die "kleinen Wehwehchen" verlieren ihre Bedeutung.
Ich blühe förmlich auf und bin Stolz auf "mein Freizeitkind".
Durch Frank's Auftauchen wird mein "eingefahrener"
Alltag
neu strukturiert, ich fühle mich um Jahre jünger und beschäftige
mich sehr intensiv mit Kinder-, Schul- und Erziehungsfragen (wahrscheinlich
sogar weit mehr als Franks Eltern dies jemals tun würden), um beim
Umgang mit Frank nur nichts falsch zu machen (davon profitiere ich auch
später noch).
Durch die vielen positiven Kommentare derjenigen
Menschen, die über meinen Umgang mit Frank informiert sind (ich
habe vielen in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis über uns erzählt,
weil ich von Anfang an keinerlei "Geheimniskrämerei", sondern
Offenheit will), kann ich mich geschmeichelt fühlen, denn
man
findet es durchweg toll, dass ich mir - im Gegensatz zu anderen - soviel
Zeit für den Jungen nehme und man freut sich, dass ich - auch im Gegensatz
zu anderen - "mit einem so anstrengenden Kind" (Zitat: "der nervt!") zurecht
komme.
"Jung" und "Alt" - geht das?
Die meisten 'Tagesmütter', die ihre Dienste
anbieten, sind relativ jung. Da liegt es zunächst nahe, daran zu
zweifeln, dass ein 53-jähriger "Oldie" ein Kind betreuen kann. Aber:
Bei noch älteren Großvätern geht es doch auch!
Für mich ist "Alter" keine Sache des Geburtsdatums,
sondern eine Sache der inneren Einstellung und des Verhaltens gegenüber
seinen Mitmenschen, egal, ob diese alt oder jung sind. Außerdem
habe ich mir ein bisschen Kindheit bewahrt, und "das Kind im Manne" wartet
nur darauf, herausgefordert zu werden!
In den Medien wird immer wieder betont, wie
wichtig es ist, dass Alt und Jung zusammen leben, dass die Generationen
sich gut ergänzen können und sollen, und dass man dies fördern
solle und wolle, wo immer dies möglich ist!
Da der Frank trotz seiner kleinen persönlichen
Probleme im Grunde seines Wesens ein wirklich netter und liebenswerter
Junge ist, macht es mir Freude, mich mit ihm zu befassen, und es kommt
auch ein bisschen Leben und Abwechslung in mein altes Haus.
;-)
Außerdem habe ich an mir bemerkt,
dass
der Umgang mit einem solchen Kind dazu führt, dass man seine eigene,
"erwachsene" und eingefahrene Sichtweise der Dinge ändert, ganz neue
Perspektiven aus der Sicht eines Kindes entdeckt und selbst eine Menge
für sich dabei lernt (dazu ist es bekanntlich nie zu spät).
Seit Frank's Auftauchen befasse ich mich sehr
intensiv mit der Information über Erziehungsfragen und schulische
Belange, ohne jedoch in die Erziehung durch das Elternhaus eingreifen zu
wollen. Ich möchte in diesen Dingen einfach Wissen erlangen, mitreden
können und möglichst nichts falsch machen, da ich weiß,
dass ich gegenüber Frank eine hohe Verantwortung trage, solange er
bei mir ist.
Ich mache natürlich weiter!
Die vielfältigen und schönen
Erlebnisse mit Frank haben mir zu einer ganz neuen Sichtweise gegenüber
benachteiligten Kindern und deren alltäglichen Problemen verholfen
und mich angespornt, auch in Zukunft noch
viel mehr für Kinder zu tun und für sie da zu sein,
soweit es meine Zeit, meine Gesundheit und meine Mittel ermöglichen.
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